Nach Anti-Phishing-Kampagne: Krypto-Mentor fühlt sich von Aufklärung verfolgt
DÜSSELDORF (rk) – Seit dem Start einer bundesweiten Aufklärungskampagne gegen Phishing und Zahlungsbetrug fühlt sich der selbsternannte Krypto-Mentor Marvin T. (29) aus Düsseldorf „gezielt ausgegrenzt“. Seine Kurse für „garantierte 30 Prozent Rendite pro Woche“ verkaufen sich seit Tagen deutlich schlechter. „Die Leute fragen jetzt plötzlich nach“, klagt T. „Wer hat denen das beigebracht?“
T. betreibt nach eigenen Angaben eine „Wealth Academy“, deren Firmensitz ein Gaming-Stuhl in der Wohnung seiner Mutter ist. Bisher habe sein Geschäftsmodell hervorragend funktioniert: Interessenten überweisen 499 €, erhalten Zugang zu einer Chatgruppe und werden dort gebeten, ihre Gewinne für „noch höhere Gewinne“ erneut einzuzahlen. „Das ist Zinseszins“, erklärt T. „Nur schneller und ohne Zinsen.“
„Einfach mal misstrauisch sein ist keine Strategie“
Seit Beginn der Kampagne beobachtet T. ein für ihn völlig neues Verhalten. Ein Interessent habe ihn gefragt, warum seine Firma keine Adresse habe. Eine andere wollte wissen, weshalb die Gewinne nur in einer Grafik existieren, die T. selbst in einem Malprogramm gezeichnet hat. Ein dritter habe einfach gar nicht reagiert. „Das ist Schweigen als Waffe“, sagt T.
Besonders schmerzt ihn der Rat, bei Nachrichten mit Zeitdruck skeptisch zu werden. „Mein ganzes Marketing besteht aus Zeitdruck“, so T. „Wenn ich nicht mehr schreiben darf, dass das Angebot nur noch heute gilt, was soll ich denn dann schreiben? Dass es auch morgen noch gilt? Oder wann es dir passt? So wird niemand reich. Außer vielleicht der Kunde.“
„Wer 30 Prozent pro Woche verspricht, will nicht dein Mentor werden, sondern dein Erbe.“
Dieser Satz stammt nicht von T., sondern von einem Plakat, das ihm ein Nachbar an die Wohnungstür geklebt hat. T. hat es abgenommen, gerahmt und verkauft es nun als limitiertes NFT.
Institut warnt vor „Aufklärungsblase“
Das Institut für Angewandte Renditeromantik (IfAR) in Mettmann teilt T.s Sorgen. Nach einer eigenen, nicht repräsentativen Erhebung unter vier Krypto-Mentoren seien deren Umsätze seit Kampagnenstart „um gefühlt 98 Prozent“ eingebrochen. Institutsleiter Dr. Ralf-Udo M. (57) spricht von einem „Kahlschlag für die Wunschdenk-Branche“.
„Wenn Menschen anfangen, nachzurechnen, ist das für viele Geschäftsmodelle existenzbedrohend“, so M. Er fordere deshalb einen staatlich geförderten „Leichtgläubigkeitsbonus“ sowie eine Schonfrist, in der versprochene Renditen von über 1.000 Prozent pro Jahr „nicht hinterfragt werden dürfen“. Ein Ministerium habe auf seine Anfrage noch nicht reagiert, vermutlich wegen Zeitdrucks.
Mentor plant Gegenoffensive
T. will sich nicht geschlagen geben. Er arbeite bereits an einem neuen Produkt: einem Online-Kurs mit dem Titel „Phishing erkennen in 7 Tagen“, für einmalig 1.997 €. Zahlbar ausschließlich per Gutscheinkarte, über einen Link, der „nur 15 Minuten gültig“ ist. „Das ist kein Widerspruch“, betont T. „Das ist Praxisnähe.“
Zusätzlich hat er seine Rendite-Versprechen angepasst. Statt 30 Prozent pro Woche verspricht er nun „nur noch“ 29 Prozent, um „seriöser zu wirken“. Seine Mutter, die als Vermieterin des Firmensitzes inzwischen eine Gewinnbeteiligung fordert, zeigt sich davon wenig beeindruckt. „Ich habe ihm gesagt, er soll mal in diesen Reich-Rechner gucken“, sagt sie. „Er meinte, der rechnet falsch, weil da die Inflation drin ist.“
Tatsächlich hat T. den Reich-Rechner mittlerweile ausprobiert. Mit seinen echten Einnahmen und einer langweiligen Rendite zeigte ihm der Rechner ein Millionärsjahr, das T. als „beleidigend weit weg“ bezeichnet. Im Ponzi-Modus ging es deutlich schneller, bis die Pyramide nach ein paar Runden in sich zusammenfiel. „Genau wie bei mir“, sagt T. „Da sieht man mal, wie realistisch der ist.“
Ob er selbst schon einmal auf Betrug hereingefallen sei? T. verneint entschieden. Er habe lediglich vor zwei Jahren einen Online-Kurs gekauft, der versprach, ihn zum erfolgreichen Krypto-Mentor zu machen. „Der hat aber funktioniert“, sagt T. „Ich bin jetzt ja einer.“
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