Satire

Nach Riester-Aus: Mann richtet seinem Vertrag eine Trauerfeier aus

28. Oktober 2026 · 3 Min. Lesezeit · Redaktion Reich-Rechner

BIELEFELD (rk) – Nach den Berichten über das Ende der Riester-Rente hat Hartmut B. (58) aus Bielefeld seinem Vertrag eine würdige Trauerfeier ausgerichtet. Rund 40 Gäste versammelten sich am Dienstag im Vereinsheim des Kleingartenvereins „Gute Hoffnung e. V.“, um Abschied von einem Finanzprodukt zu nehmen, das B. nach eigenen Angaben „23 Jahre lang treu begleitet und fast nie überrascht“ hat.

Auf einem Tisch neben der Tür stand ein gerahmtes Foto des ersten Vertragsdeckblatts von 2003, umrahmt von weißen Lilien und einem Stapel ungeöffneter Standmitteilungen. „Er war nicht perfekt“, sagte B. sichtlich bewegt. „Aber er war da. Jedes Jahr, im Januar, mit einem Brief.“

Rede würdigt „beispiellose Beständigkeit“

In seiner Trauerrede erinnerte B. an die gemeinsamen Höhepunkte. 2009 habe der Vertrag erstmals eine Rendite von 0,8 Prozent erreicht, „nach Kosten 0,1, aber das war uns egal“. 2014 habe er ihn beinahe gekündigt, sich dann aber nach einem Blick auf die Stornogebühren für die Ehe entschieden. „Wir sind zusammengeblieben, weil eine Trennung zu teuer gewesen wäre“, so B. „Das hatten wir mit vielen Paaren in unserem Freundeskreis gemeinsam.“

Besonders bewegend sei die jährliche Zulage gewesen. „Wenn der Staat einem Geld schenkt, fühlt man sich gesehen“, sagte B. Wie viel davon nach den Abschlusskosten tatsächlich angekommen ist, möchte er „aus Pietätsgründen“ nicht ausrechnen. Seine Tochter hat es trotzdem getan und ist seitdem nicht mehr eingeladen.

„Andere Verträge wachsen. Meiner hat mich gelehrt, dass auch Stillstand eine Form von Stabilität ist.“

Versicherungsvertreter hält Grabrede

Als besonderer Gast sprach Bernd K. (63), der den Vertrag 2003 abgeschlossen hatte. K. erinnerte an den Abend, an dem er B. im Wohnzimmer die Hochrechnung zeigte. „Damals stand da eine sehr schöne Zahl, die ich mit sehr viel Überzeugung vorgelesen habe“, so K. „Und genau das ist sie geblieben: eine sehr schöne Zahl.“ K. sei bis heute stolz auf die Provision, die er „mit gutem Gewissen und einem neuen Golf“ verbunden habe.

Die Hinterbliebenen reagierten gefasst. Das Institut für Angewandte Vorsorgetrauer (IfAV) in Gütersloh rechnet nach eigenen, nicht repräsentativen Schätzungen mit „mehreren Millionen weiteren Trauerfeiern“. Institutsleiterin Dr. Sieglinde M. (51) empfiehlt Betroffenen, den Abschied bewusst zu gestalten. „Viele merken erst jetzt, dass sie zu ihrem Vertrag nie eine echte Beziehung hatten. Sie hatten nur einen Dauerauftrag.“

Nachfolger bereits im Blick

Nach der Feier gab es Kaffee, Butterkuchen und eine Präsentation über das neue Altersvorsorgedepot, das 2027 starten soll. B. zeigte sich vorsichtig optimistisch, will aber nichts überstürzen. „Ich lasse mir Zeit mit einer neuen Beziehung“, sagte er. „Ich habe gehört, da darf man Aktien kaufen. Das ist mir ehrlich gesagt noch zu viel Nähe.“

Seine Frau Monika (57) hat dagegen bereits den Reich-Rechner ausprobiert und den Artikel Zinseszins einfach erklärt gelesen. Sie sei „schockiert, was Zinsen machen, wenn man sie lässt“. Ihr Mann habe von diesem Effekt in 23 Jahren nichts mitbekommen.

Die Urne mit den geschredderten Standmitteilungen soll im Garten der Familie beigesetzt werden, direkt neben dem Bausparvertrag von 1987. Auf dem Grabstein wird stehen: „Hier ruht ein Vertrag. Er hat sich nie bewegt, und so soll es auch bleiben.“

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