Wie viel Geld braucht man, um nicht mehr arbeiten zu müssen? Mit Rente, Steuern und Krankenkasse
Wie viel Geld braucht man, um nicht mehr arbeiten zu müssen? Als Faustregel das 25-Fache deiner Jahresausgaben, vorsichtiger gerechnet etwas mehr. Bei 2.500 € Ausgaben im Monat sind das rund 750.000 €. Wer erst ein paar Jahre vor der Rente aufhört, braucht deutlich weniger, wer Krankenkasse und Steuern vergisst, deutlich mehr.
Das klingt nach einer Zahl, die man einmal ausrechnet und dann auf einen Zettel an den Kühlschrank klebt. In Wahrheit hat sie vier Stellschrauben: deine echten Ausgaben, die Entnahmerate, deine spätere Rente und die Kosten, die erst auftauchen, wenn kein Arbeitgeber mehr die Hälfte zahlt. Wir gehen sie der Reihe nach durch.
Wie viel Geld braucht man, um nicht mehr arbeiten zu müssen? Die Formel
Die Grundformel ist kurz: Jahresausgaben geteilt durch Entnahmerate gleich benötigtes Vermögen. Die bekannteste Entnahmerate sind 4 %. Sie geht auf den US-Finanzplaner William Bengen zurück, der 1994 im Journal of Financial Planning mit historischen US-Daten zeigte, dass eine anfängliche Entnahme von 4 %, jährlich um die Inflation erhöht, in allen untersuchten Zeiträumen mindestens 30 Jahre gehalten hätte. Eine Zusammenfassung der Studie gibt es hier.
Etwas vorsichtiger ist das US-Analysehaus Morningstar. In seiner Untersuchung für 2025 nennt es 3,9 % als höchste sichere Startentnahme für feste, inflationsangepasste Ausgaben über 30 Jahre, bei 90 % Wahrscheinlichkeit, dass das Geld reicht. Beide Werte stammen aus US-Daten und rechnen vor Steuern. Die ausführliche Herleitung samt Sequenzrisiko steht im Artikel Finanzielle Freiheit berechnen.
- Bei 4 %: Jahresausgaben × 25.
- Bei 3,9 %: Jahresausgaben × rund 25,6.
- Wichtig: Es geht um Ausgaben, nicht um dein heutiges Gehalt. Wer 4.000 € verdient und 2.500 € ausgibt, rechnet mit 2.500 €.
Schritt 1: Was du wirklich ausgibst
Die meisten Menschen schätzen ihre Ausgaben zu niedrig. Ein Anhaltspunkt aus der Statistik: Einpersonenhaushalte gaben laut Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2023 des Statistischen Bundesamts im Schnitt 1.918 € im Monat für den privaten Konsum aus, Haushalte insgesamt 3.032 €. Das ist kein Ziel, aber ein guter Realitätsabgleich für die eigene Schätzung.
Für deine persönliche Zahl gilt:
- Kontoauszüge statt Bauchgefühl: Nimm die Ausgaben der letzten zwölf Monate, inklusive Urlaub, Autoreparatur und Weihnachten.
- Was wegfällt: Fahrtkosten zur Arbeit, Kantine, vielleicht die Rate für eine bald abbezahlte Wohnung.
- Was dazukommt: die volle Krankenversicherung, mehr Freizeit, die gefüllt werden will, und Reparaturen, die früher der Vermieter oder der Dienstwagen übernommen hat.
Klingt pedantisch, ist aber der wichtigste Schritt. Jeder Euro, den du im Monat zu niedrig ansetzt, fehlt dir später 25-mal im Depot. Wer 200 € im Monat vergisst, verrechnet sich bei 4 % um 60.000 €. Umgekehrt gilt: Jeder Euro, den du dauerhaft weniger ausgibst, senkt dein Ziel um dasselbe Vielfache. Das ist der Grund, warum Menschen, die früh aufhören wollen, oft erstaunlich viel über ihre Stromrechnung reden.
Welches Vermögen bei welchen Ausgaben?
Aus der Formel ergibt sich diese Tabelle. Gerechnet mit Python, in heutiger Kaufkraft, vor Steuern und ohne Rente oder andere Einkünfte.
| Ausgaben pro Monat | pro Jahr | Vermögen bei 4 % | Vermögen bei 3,9 % |
|---|---|---|---|
| 1.500 € | 18.000 € | 450.000 € | 461.538 € |
| 2.000 € | 24.000 € | 600.000 € | 615.385 € |
| 2.500 € | 30.000 € | 750.000 € | 769.231 € |
| 3.000 € | 36.000 € | 900.000 € | 923.077 € |
| 4.000 € | 48.000 € | 1.200.000 € | 1.230.769 € |
Diese Werte gelten, wenn das Depot dich allein und für mindestens 30 Jahre trägt. Für jemanden, der mit 35 aufhört und 90 werden will, sind 30 Jahre zu kurz gedacht. Für die meisten anderen gibt es eine gute Nachricht, und sie heißt Rente.
Früher aufhören, aber mit Rente: die Brückenrechnung
Kaum jemand muss bis zum Lebensende komplett vom eigenen Vermögen leben. Ab dem Rentenalter zahlt die gesetzliche Rentenversicherung mit. Der durchschnittliche Zahlbetrag der Altersrenten lag laut Deutscher Rentenversicherung 2025 bei 1.195 € im Monat. Zum 1. Juli 2026 stiegen die Renten laut Bundesarbeitsministerium um 4,24 %.
Damit teilt sich die Rechnung in zwei Phasen. Bis zur Rente trägt das Vermögen die vollen Ausgaben. Danach muss es nur noch die Lücke zwischen Ausgaben und Rente schließen. Unsere Annahmen für das Beispiel:
- Ausgaben von 2.500 € im Monat, in heutiger Kaufkraft.
- Gesetzliche Rente ab 67 von 1.200 € im Monat, ebenfalls in heutiger Kaufkraft und vor Steuern. Deine echte Zahl steht in deiner Renteninformation, und sie fällt niedriger aus, wenn du früher aufhörst einzuzahlen.
- Bis 67 wird jährlich zu Jahresbeginn entnommen, ab 67 gilt für die Lücke von 1.300 € die 4-Prozent-Regel. Dafür braucht es mit 67 noch 390.000 €.
- Reale Rendite nach Inflation von 0 % oder 3 % pro Jahr, keine Steuern und Kosten.
| Ausstieg mit | Benötigtes Vermögen bei 0 % real | bei 3 % real |
|---|---|---|
| 50 Jahren | 900.000 € | rund 643.000 € |
| 55 Jahren | 750.000 € | rund 581.000 € |
| 60 Jahren | 600.000 € | rund 510.000 € |
Mit 60 statt mit 50 aufzuhören spart in diesem Beispiel bei 3 % realer Rendite rund 133.000 €. Wichtig ist die Gegenprobe: Bei 0 % Rendite braucht der Ausstieg mit 50 mehr als die einfache 25er-Regel, weil die Brücke 17 Jahre lang ohne jedes Wachstum getragen werden muss. Die Rendite ist hier also kein Detail, sondern die halbe Miete.
Wie lange bis zu deiner Zahl? Gib im Reich-Rechner Startkapital, Sparrate und Rendite ein und sieh, in welchem Jahr du dein Ziel erreichst.
Jetzt nachrechnenKrankenversicherung ohne Job: der vergessene Posten
Solange du angestellt bist, zahlt dein Arbeitgeber die Hälfte der Krankenversicherung. Wer aufhört zu arbeiten und gesetzlich versichert bleibt, ist in der Regel freiwillig versichert und zahlt alles selbst. Dabei gibt es eine Untergrenze: Laut Bundesgesundheitsministerium liegt der Mindestbeitrag 2026 für freiwillig Versicherte ohne Krankengeldanspruch bei 222,80 € im Monat, gerechnet mit dem durchschnittlichen Zusatzbeitrag von 2,9 %.
Das sind 2.673,60 € im Jahr, und die Pflegeversicherung kommt noch dazu. Grundlage ist ein Mindesteinkommen von 1.318,33 € im Monat laut GKV-Spitzenverband. Das ist nur die Untergrenze: Der Beitrag richtet sich nach deinen Einnahmen und kann also höher ausfallen. Plane den Posten großzügig ein und lass dich vor dem Ausstieg von deiner Krankenkasse beraten.
Steuern auf Entnahmen: was vom Verkauf übrig bleibt
Die Tabelle oben rechnet vor Steuern. Verkaufst du Fondsanteile, wird nur der Gewinnanteil besteuert, und zwar mit 25 % Abgeltungsteuer nach § 32d EStG plus Solidaritätszuschlag, zusammen 26,375 %. Pro Jahr bleiben 1.000 € Sparer-Pauschbetrag steuerfrei (§ 20 Abs. 9 EStG). Bei Aktienfonds sind zusätzlich 30 % der Erträge steuerfrei, die sogenannte Teilfreistellung nach § 20 Abs. 1 InvStG.
Beispiel: Du verkaufst Aktienfonds-Anteile für 30.000 € im Jahr, ohne Kirchensteuer. Wie viel Steuer anfällt, hängt davon ab, welcher Teil des Verkaufs Gewinn ist.
| Gewinnanteil am Verkauf | Gewinn | steuerpflichtig | Steuer pro Jahr | pro Monat |
|---|---|---|---|---|
| 30 % | 9.000 € | 5.300 € | 1.398 € | 116 € |
| 50 % | 15.000 € | 9.500 € | 2.506 € | 209 € |
| 70 % | 21.000 € | 13.700 € | 3.613 € | 301 € |
Je länger das Depot gewachsen ist, desto höher der Gewinnanteil und desto mehr musst du brutto entnehmen, um netto auf deine Ausgaben zu kommen. Krankenversicherung und Steuern zusammen können schnell mehrere hundert Euro im Monat ausmachen. Diese Beträge gehören in die Ausgaben, bevor du sie mit 25 multiplizierst.
Nicht ganz aufhören: Teilzeit und Minijob
Zwischen Vollzeit und Ruhestand liegt eine Menge Spielraum, und jeder selbst verdiente Euro senkt die nötige Summe. Ein Minijob darf 2026 laut Minijob-Zentrale bis zu 603 € im Monat einbringen, also 7.236 € im Jahr. Nach der 4-Prozent-Regel ersetzt das ein Vermögen von 180.900 €.
Anders gesagt: Zehn Stunden pro Woche im Lieblingsbuchladen sind finanziell so viel wert wie ein mittelgroßes Depot. Viele, die sich „nie mehr arbeiten“ wünschen, meinen ohnehin eher „nie mehr so arbeiten“. Das ist deutlich billiger zu haben. Wie man Einkommen aus dem Vermögen selbst plant, steht im Artikel Passives Einkommen aufbauen.
Reality-Check: Die Zahl, mit der du nie mehr arbeiten musst, ist kein Lottogewinn, sondern eine Tabellenkalkulation mit sehr vielen Annahmen. Sie hängt an Renditen, die niemand kennt, an einer Rente, die du noch nicht hast, und an Ausgaben, die du vermutlich schönrechnest. Rechne sie trotzdem aus. Nur rechne sie lieber zweimal und mit etwas Abstand zum letzten Montagmorgen.
Häufige Fragen
Wie viel Geld braucht man, um von Zinsen zu leben?
Als Faustregel das 25-Fache deiner jährlichen Ausgaben, das entspricht einer Entnahme von 4 %. Bei 2.000 € Ausgaben im Monat sind das 600.000 €. Streng genommen lebst du dabei nicht nur von Erträgen, sondern verbrauchst langsam auch einen Teil des Vermögens.
Reicht eine Million, um nie mehr zu arbeiten?
Nach der 4-Prozent-Regel trägt eine Million Ausgaben von 40.000 € im Jahr, also rund 3.333 € im Monat vor Steuern und Krankenversicherung. Für viele Singles reicht das, für eine Familie in einer teuren Stadt eher knapp. Entscheidend sind deine Ausgaben und wie viele Jahre das Geld halten muss.
Wie viel Geld brauche ich, um mit 55 aufzuhören?
Das hängt von Ausgaben und Rente ab. In unserem Beispiel mit 2.500 € Ausgaben, 1.200 € Rente ab 67 und 3 % realer Rendite sind es rund 581.000 €. Ohne Rendite wären es 750.000 €.
Muss ich ohne Job Krankenversicherung zahlen?
Ja. Wer gesetzlich versichert bleibt, zahlt als freiwillig Versicherter den vollen Beitrag selbst, 2026 laut Bundesgesundheitsministerium mindestens 222,80 € im Monat ohne Krankengeldanspruch. Die Pflegeversicherung kommt dazu, und bei höheren Einnahmen steigt der Beitrag.
Was ist die FIRE-Zahl?
FIRE steht für „Financial Independence, Retire Early“, also finanzielle Unabhängigkeit und früher Ruhestand. Die FIRE-Zahl ist das Vermögen, ab dem du nicht mehr arbeiten musst, meist berechnet als Jahresausgaben mal 25. Sie ist genau die Zahl, um die es in diesem Artikel geht.
Ist die 4-Prozent-Regel in Deutschland sicher?
Sie ist eine Faustregel aus US-Daten, keine Garantie. Morningstar nennt für 2025 eine sichere Startentnahme von 3,9 % über 30 Jahre, und in Deutschland kommen Steuern und Krankenversicherung dazu. Wer länger als 30 Jahre vom Depot leben will, sollte vorsichtiger rechnen.
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